Leserbrief von Thomas Voelter zur Flüchtlingspolitik

Gegen geistige Brandstiftung kämpfen! vom 27.01.2016

Die massive und organisierte sexuelle Gewalt an Frauen zu Silvester muss entschieden verurteilt, die Täter müssen aufgespürt und bestraft werden. Aber Köln wird für eine Welle verschärfter Stimmungsmache gegen alle Ausländer/Migranten benutzt, wohl als Begleitmusik für eine Verschärfung des Ausländerrechtes und der Asylbestimmungen.

H. Seelaff hat völlig zu Recht einen Aufschrei bestimmter Kräfte gegen Hetze und Gewalttaten gegenüber Flüchtlingen, Asylantenheimen und Helfern vermisst. Heraus kamen Töne ganz anderer Art. H. Krämer steigert das Unwort des Jahres 2015 vom „Gutmenschen“ zum „Bessermenschen“. Auf ihn scheint in Steigerungsform zuzutreffen, was die Unwortjury als Begründung ihrer Wahl schreibt: Der Begriff „Gutmensch“ diffamiere pauschal Toleranz und Hilfsbereitschaft als dumm und naiv . . . Damit würden auch insbesondere diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen.

H. Mayer findet zwar „Sachbeschädigungen“ Besorgnis erregend, aber eben als Ausdruck „des Protestes der Bürger“. Wohlweislich verschweigt er die anderen, von H. Seelaff angesprochenen Verbrechen wie „Brandstiftung, versuchter Mord, Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung von Flüchtlingen und Helfen“. Geflissentlich übersieht er die wachsende Großzahl von Christen, aktiven Gewerkschaften, Jugendlichen usw., die mit großer Sympathie auf Flüchtlinge zugehen und bei der Hilfe mit anpacken.

H. Krämer geht sogar soweit, H. Seelaff ein „Faible“ (also eine Vorliebe) für kriminelle Ausländerbanden zu unterstellen, „die man hinterfragen müsse“.

Diese Kriminalisierung von „Flüchtlingsfreunden“ ist unerhört. „Judenfreunde“ waren es bei Hitler. „Kurdenfreunde“ sind es bei Erdogan, alle „Andersgläubigen“ sind es beim „Islamischen Staat“, die kriminalisiert, verfolgt, ermordet werden. Aber dieses reaktionäre, rassistische und fremdenfeindliche Denken lässt immer mehr Menschen in Widerspruch geraten zu der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge.

Die Erkenntnis wächst: Die Flüchtlingsströme sind Ausdruck der Unfähigkeit des imperialistischen Weltsystems, einer wachsenden Masse von Menschen ein menschenwürdiges Leben zu gewährleisten. Es sind die in Saus und Braus lebenden Herren der Welt, die durch Kriege, Staatsterror, Ruinierung der einheimischen Wirtschaft in vielen Ländern Fluchtursachen geschaffen haben und noch verschärfen.

Weisen wir energisch die „geistigen Brandstifter“ zurück. Die internationale Solidarität wird sich auch in Zukunft als stärker erweisen.

Thomas Voelter
Wasenstraße 4, Tailfingen