Leserbrief von Renate Schmidt zur Gewalt gegen Frauen

Sexuelle Gewalt ist kein besonderes Problem zwischen Frauen und Asylbewerbern vom 19.01.2016

Mit dem Unwort des Jahres - „Gutmensch“ versucht Rainer Lang, alle Menschen, die sich für ein solidarisches Zusammenleben einsetzen – namentlich auch die ZUG-Kommunalpolitikerin Christiane Kasprik – zu diffamieren. Ich finde es anerkennenswert, dass sie sich gegen Rassismus, Volksverhetzung und neofaschistische Gefahr positioniert und sich auch in ihrem kommunalpolitischen Engagement immer vom Gedanken der Solidarität und der Völkerverständigung leiten lässt. Für mich ist das ein wohltuendes Kontrastprogramm zu der hasserfüllten rassistischen Hetze, den ganzen unsäglichen Vorurteilen und haltlosen Pauschalbehauptungen so mancher Leserbriefe gegen Flüchtlinge und Asylbewerber. Keine Frage, die sexuellen Übergriffe in Köln müssen hart bestraft werden. Egal, woher die Täter kommen.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist jedoch ein weltweites Problem, und kein besonderes Problem zwischen Frauen und Asylbewerbern. Die Frauenbewegung kämpft schon lange für eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Nicht nur in rückständigen religiösen Moralvorstellungen ist die Unterordnung der Frau unter den Mann lebendig, sondern auch in der modernen kapitalistischen Gesellschaft als Sexismus und Degradierung der Frau zum Lustobjekt. Durch die Legalisierung der Prostitution wurde Deutschland zu Europas größtem Bordell und Umschlagsplatz für Frauen- und Mädchenhandel.

All die Herren, die sich seit Köln plötzlich zu Rittern der Frauenrechte aufschwingen, frage ich: Wo bleibt denn ihr Mitgefühl mit den Frauen und Kindern, die im Mittelmeer ertrinken, im NATO-Stacheldraht an den Außengrenzen der EU hängen bleiben, vom türkischen Militär nach Syrien zurück geprügelt werden, in Afrika verhungern, weil Handelsmonopole und Lebensmittelkonzerne einheimische Bauern ruinieren; internationale Fischereikonzerne ihre Küsten leer fischen?

Wo bleibt das Mitgefühl für die Frauen und Kinder, die in Syrien und Jemen zusammen gebombt werden, weil alte und neue imperialistische Mächte um die Vorherrschaft im Nahen Osten buhlen? Wo bleibt das Mitgefühl für die Kurdinnen und ihre Familien in der Türkei, die derzeit einem regelrechten Staatsterror ausgesetzt sind? Wo bleibt das Mitgefühl mit den kurdischen YPJ-Kämpferinnen in Kobane und Rojava, den Aktivistinnen des Arabischen Frühlings und den Revolutionärinnen der Welt, die im Kampf für Demokratie und Freiheit und gegen den IS gefallen sind? Wer wirklich für Frauenrechte eintreten will, der muss auch gegen Rassismus und Völkerhetze sein, für Schutz der Flüchtlinge und ein Asylrecht auf antifaschistischer Grundlage.

Renate Schmidt
Schalksburgstraße 212, Ebingen